Russische Filmtage Münster und Düsseldorf 2020

Vorhang auf und herzlich willkommen zu den Russischen Filmtagen!

Wir freuen uns, Sie erneut zu einem interessanten und vielseitigen Programm aktueller Autorenfilme aus Russland einladen zu können. Diese vermitteln Einblicke in die kulturellen und gesellschaftlichen Diskurse des Landes und geben Impulse zum Nachdenken und Diskutieren.

Odessa ist unser Eröffnungsfilm. Regisseur Waleri Todorowski blickt zurück in die 70er Jahre seiner Kindheit im multikulturellen Odessa. Wir erleben ein liebevoll und mit komödiantischem Charme gezeichnetes Familiendrama, in dessen Zentrum die Frage der jüdisch-sowjetischen Identität der Familienmitglieder steht.

Um die Frage von Identität geht es in sehr unterschiedlicher Weise auch in zwei weiteren Filmen. Jegor, der Held des Films Herz der Welt der Regisseurin Natalia Meschtschaninowa, ist ein „Verlorener“ auf der Suche nach Zugehörigkeit und Sicherheit. In einer Zuchtstation für Jagdhunde findet er einen sicheren, aber bedrückenden Lebensrahmen. Sich selbst findet er nicht. Ob der Film als Allegorie auf das heutige Russland zu verstehen ist, wie der Filmkritiker Anton Dolin meint, bleibt eine offene Frage.

Jegor heißt auch der Held des Films Der Mensch, der alle verwunderte. Dieser Mensch überrascht tatsächlich alle, auch die Kinobesucher, indem er seine Gender-Identität wechselt, um damit den Tod zu täuschen. Den Regisseuren Natascha Merkulova und Aleksey Tschupov gelingt mit diesem Film ein existenzielles Manifest, absurd und nebenbei die soziokulturelle Atmosphäre eines sibirischen Dorfes charakterisierend.

Mit dem Debutfilm der Regisseurin Anna Parmas Komm, wir lassen uns scheiden bieten wir dem Publikum eine echte, überwältigend gut gespielte Komödie, bei der viel gelacht werden kann.

Mit dem Film des jungen Regietalents Kantemir Balagow, Bohnenstange, erinnern wir an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. Er zeigt das weibliche Gesicht des Krieges und seiner Folgen im ersten Nachkriegsjahr des zerstörten Leningrad.

Ein russischer Junge ist ein weiteres Antikriegsdrama, das im Ersten Weltkrieg spielt. In diesem Film geht es nicht um die Darstellung von Schlachten, sondern um den naiv enthusiastischen Patriotismus eines 17jährigen Dorfjungen, der mit dem Traum in den Krieg zieht, Ruhm und Medaillen zu erwerben. Dem jungen Regisseur Alexander Solotuchin gelingt ein visuell und musikalisch ungewöhnlich experimenteller Film. Er ist ebenso wie der Regisseur des Films Bohnenstange ein Schüler des legendären Regisseurs Alexander Sokurow. In beiden Filmen ist die Handschrift des Altmeisters deutlich zu erkennen.

Als Special präsentieren wir zeitgenössische Videokunst aus der Sammlung des Cyland-Videoarchivs in Sankt Petersburg, die hierzulande kaum gezeigt wurde. Die Videofilme werden von der Kuratorin und Künstlerin Victoria Ilyushkina vorgestellt. In einem begleitenden Workshop informiert sie mit Filmbeispielen über die Kultur in der Zeit der Perеstrojka in den Jahren 1990 bis heute.

Publikumsgespräche mit Filmschaffenden begleiten das Filmprogramm.

Alle Filme werden im Originalton mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Gudrun Wolff
für die deutsch-russische Gesellschaft Münster und für den filmclub münster

Bernd Desinger
für das Filmmuseum Düsseldorf

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